Leseproben

Band 1: Mord zwischen Kutter und Kluntje

Der erste Fall für Jantje Janßen. Eine Bürgerversammlung zum Küstenschutz – und mittendrin ein Toter.

Worum geht es?

Journalistin Jantje Janßen ist zurück in Emden. Bei einer Bürgerversammlung liegt auf einmal ein Toter – und schnell wird klar, dass hinter der Sache mehr steckt als ein Unglück.

Kapitel 1

Meer und Frühling lagen an diesem Morgen schwer in der Luft, als Jantje Janßen das kleine Fenster ihrer Dachgeschosswohnung in der Emder Altstadt aufstellte. Eine kühle Brise strich ihr über die Wangen, irgendwo mischte sich der Duft nach frischen Brötchen in die salzige Note, die vom Hafen herüberwehte. Unten war das Stadtleben schon erwacht: gedämpfte Stimmen, das Klirren von Tassen in den Straßencafés und das leise Surren der E-Bikes auf dem Kopfsteinpflaster.

Jantje war fast dreißig, Single. Nicht, weil sie sich bewusst dafür entschieden hatte, sondern weil ihr der Richtige bislang einfach noch nicht begegnet war. Sie lebte gern aktiv, schätzte Bewegung an der frischen Luft und das Miteinander mit Menschen. Ihre blonden, schulterlangen Haare trug sie meist offen, manchmal locker zusammengebunden, wenn es praktischer war. Ihr Gesicht war klar geschnitten, die graugrünen Augen wach und aufmerksam. Schminke spielte für sie kaum eine Rolle, höchstens etwas Mascara. Ihr Lächeln begann fast immer in den Augen, ehe es ihre Lippen erreichte.

Nach ihrem Studium arbeitete sie zunächst bei einem großen Zeitungsverlag in NRW. Die Zeit dort war abwechslungsreich und führte sie in unterschiedliche Städte und Redaktionen. Besonders das Ruhrgebiet hinterließ einen bleibenden Eindruck: Die Menschen dort ticken in vielerlei Hinsicht ähnlich wie in Ostfriesland – bodenständig, ehrlich und geradeheraus. Wer einmal dazugehört, bleibt oft ein Leben lang verbunden. Doch mit den Jahren wuchs in ihr der Wunsch, wieder in vertrauter Umgebung zu leben und zu arbeiten. So kehrte sie nach Emden zurück und trat eine Stelle bei der Emder Rundschau an. Sie war Journalistin durch und durch.

Ihre Eltern, Herta und Johann, lebten zwei Etagen tiefer im gleichen Haus. Das brachte kurze Wege für spontane Teestunden und gelegentlich die unvermeidlichen, wenn auch gut gemeinten Ratschläge ihrer Mutter. Ihre ältere Schwester Anke und Schwager Tom wohnten ein paar Straßen weiter. Gemeinsam teilten sie sich das Sorgerecht für Fiete, den drei Jahre alten Wasserhund, klug, verspielt und mit einer Schwäche für jedes Gewässer, das seinen Weg kreuzte. „He, mien Jung“, sagte Johann oft schmunzelnd, „dat is en echte Waterhund, keen Pfütte is vor em sicher.“ Finn, der Älteste der drei Geschwister, wohnte mit seiner Frau Meta und ihrem Sohn Steffen in Hinte.

Jantjes Wohnung unter dem spitzen Dach war gemütlich, warm und ein wenig unordentlich, aber sie fühlte sich wohl darin. Zwei Zimmer, verbunden durch einen Flur mit knarrendem Dielenboden. Im Wohnzimmer stapelten sich Pflanzen, Bücher und Notizhefte; dazwischen lagen Hafenbildbände und Krimis. Auf dem Sofa hatte Fiete seinen Stammplatz eingerichtet, gleich neben dem niedrigen Holztisch, auf dem fast immer eine Teetasse und ein Stift lagen. Die kleine Küche führte auf einen Balkon, im Sommer mit Kräutertöpfen und wettergegerbten Klappstühlen. Schlafzimmer und Bad waren schlicht und ein wenig ordentlicher als der Rest. Die unglaubliche Aussicht aus dem Schlafzimmerfenster über die Dächer Emdens bis zum Hafen war für sie jedes Mal ein Geschenk.

Nun wanderte ihr Blick zur Kirchturmspitze der Großen Kirche, die wie ein stiller Wächter über der Stadt stand. In ihrem Inneren barg sie die Johannes a Lasco-Bibliothek, voller alter Bücher, Lederbände und poliertem Holz. Schon jetzt sammelten sich Besucher auf den Stufen, Broschüren in der Hand, und warteten auf die Öffnung der Türen.

Die Straßen unter ihr glänzten noch vom Regen der Nacht, kleine Pfützen spiegelten das erste Sonnenlicht. Die Häuserfronten schimmerten, als hätte die Altstadt einen frischen Anstrich bekommen.

Fiete hob den Kopf vom Sofa, seine bernsteinfarbenen Augen fest auf sie gerichtet. Seit Tagen wich er ihr kaum von der Seite. Sein Blick sprach von geduldiger Erwartung, ein leises Wuff von Vorfreude. Sein Frühstück war längst vertilgt, man könnte auch sagen inhaliert, jetzt fehlte nur noch ein Spaziergang. „Gleich, mein Süßer“, murmelte Jantje und griff nach ihrer roten Regenjacke. An der Küste war sie unverzichtbar, selbst, wenn der Himmel freundlich wirkte, konnte sich das Wetter in Minuten drehen. Mit der Leine in der einen und dem Notizbuch in der anderen Hand war sie bereit für den Tag.

Auf dem Küchentisch lag noch der Zettel, den ihre Mutter am Vortag dort hinterlassen hatte. Eigentlich war Herta eher der Typ fürs Telefon oder sie stand gleich persönlich vor der Tür. Doch diesmal war es ihr besonders wichtig und sie hatte sich hingesetzt und in ihrer sorgfältigen, leicht geschwungenen Handschrift notiert:

„Denk dran: Morgen kommt der NDR für die Dokumentation der ostfriesischen Teekultur in unsere Teestube. Wenn du Zeit hast, komm vorbei. Wir hätten dich gern mit dabei.“

Daneben lag ein leicht vergilbtes Foto. Es zeigte ihre Eltern hinter der Theke ihrer Teestube, einem beliebten Café inmitten der Stadt, in dem es neben Tee auch täglich von ihrer Schwester und Mutter gebackene Kuchen und Torten gab. Herta mit ihrem offenen Lächeln, Johann im weißen Hemd, beide mit dampfenden Teetassen in der Hand. Im Hintergrund das alte Holzregal mit den sauber beschrifteten Teedosen und auf der Theke der alte geöffnete Kluntjepott, dessen Inhalt im Licht wie kleine Kristalle funkelte.

Seit rund drei Jahrzehnten führten die beiden ihre kleine Teestube am Stadtgarten. Ein Ort, der für viele Emder längst mehr war als ein Café. Stammgäste, die schon als Kinder mit ihren Eltern vorbeischauten, kamen noch heute auf ein Kännchen Ostfriesentee vorbei. Besucher mischten sich unter die Einheimischen, und wer hereinkam, spürte sofort: Hier ging es nicht bloß um Tee und Kuchen, diese Teestube war für die beiden nicht einfach Arbeit, sondern eine Herzenssache, die sie mit jedem Lächeln und jeder Tasse Tee an ihre Gäste weitergaben.

Herta war wie Jantje und Anke schlank, sportlich und immer in Bewegung. Schon früh am Morgen stand sie in der Küche, um frischen Kuchen vorzubereiten. Abends schob sie oft noch ein Blech nach, sodass am nächsten Morgen Apfelstreusel, Quarkkuchen oder Käsekuchen bereitstanden. Die blonde Pferdenärrin Anke war für die Torten zuständig, insbesondere für die beliebte Ostfriesentorte mit „Schwips“, und wenn es ihre Zeit zuließ, sprang sie auch als Bedienung ein und flitzte wie ihre Mutter von Tisch zu Tisch.

Johann dagegen war die ruhige Hand im Geschäft. Er kümmerte sich um den Einkauf, die Buchhaltung, kleinere Reparaturen und kannte die Händler. Er wusste genau, wann die beste Zeit war, beim Großhändler ihres Vertrauens die losen Blätter zu ordern. Mit seiner gelassenen Art sprach er mit jedem, als sei er schon seit Jahren Kunde, auch wenn es nur ein Tourist auf Durchreise war.

Für Jantje und ihre Geschwister war der Teeladen ihrer Eltern immer mehr als nur ein Geschäft. Er war Ankerpunkt und Rückzugsort zugleich, ein Platz, zu dem sie zurückkehren konnten, egal, wie turbulent der Alltag auch war.

In Ostfriesland gehörte Tee nicht nur zum Nachmittag. Für viele begann der Tag mit einer Tasse und endete ebenso. Der Dreiklang aus Kluntje, heißem Tee und einem Sahnewölkchen war fester Bestandteil des Alltags. Rühren war tabu, das langsame Aufsteigen der weißen Wulkje, das Knacken in der kleinen Porzellantasse, wenn das süße Gold sich dehnte, gehörte dazu. „Dat is Klookheit un Ruhe in een Kopp“, hatte schon ihre Oma oft gesagt.

Jantje faltete den Zettel zusammen und schob ihn in die Jackentasche. Sie wusste, dass der Besuch des NDR für ihre Eltern weit mehr bedeutete als ein Fernsehdreh. Es war die Gelegenheit, die Geschichte der Teestube zu zeigen und damit auch ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte festzuhalten. Nun machte sie sich aber erst mal mit Fiete auf den Weg in die Redaktion.

Band 2: Mord zwischen Lama und Leuchtturm

Der zweite Fall für Jantje Janßen. Eigentlich wollte sie auf Borkum nur die Seele baumeln lassen – bis sie über eine Leiche stolpert.

Worum geht es?

Eigentlich will Jantje mit ihrer besten Freundin ein paar ruhige Tage auf Borkum verbringen. Dann stirbt ein Hotelier, und aus dem Kurztrip wird ein Fall.

Kapitel 1

Der Regen prasselte laut gegen die großen Scheiben des Verlagshauses mitten in Emden. Fast schien er sagen zu wollen, dass in Ostfriesland selbst im Juli Friesennerzpflicht herrschte.

Jantje Janßen, knapp dreißig, Vollblut-Journalistin und frisch verliebt in Kommissar Ole Rickmers, ließ sich vom Schietwetter nicht beeindrucken. An ihrem leicht chaotischen Schreibtisch in der Redaktion der Emder Rundschau starrte sie gedankenverloren auf den blinkenden Cursor. Der tat, was Cursor eben tun: geduldig warten.

Sie mochte das geschäftige Treiben in der Zeitungsredaktion am Vormittag, wenn die Themen hereinkamen und der Tag geplant wurde. Doch im Moment sah sie vor ihrem inneren Auge statt der Deadline nur Strandkörbe, endlose Dünen und ein glitzerndes Meer im Sonnenlicht. Sie spürte fast den Wind in den Haaren und hörte das Rauschen der Wellen.

In diesem Moment tauchte Heike Lammers neben ihrem Schreibtisch auf. Die Chefin vom Dienst war schwer zu übersehen und erst recht nicht zu überhören. Mit schnellen, festen Schritten trat sie an Jantje heran. Die Lesebrille baumelte wie immer am Band um ihren Hals. Sie verströmte diese unaufgeregte Selbstverständlichkeit einer Mittfünfzigerin, die den Laden seit Jahren zusammenhielt.

„Du siehst aus, als säßest du schon im Strandkorb“, sagte Heike lachend und blieb mit einem Kaffeebecher in der Hand neben ihr stehen. Die blonde Journalistin blinzelte zweimal und war wieder im Hier und Jetzt. Mit einem breiten Grinsen erwiderte sie: „Hättest du mir noch eine Minute gegeben, würde ich längst in Gedanken einen eisgekühlten Aperol in Strandkorb Nummer 501 schlürfen, Meerblick inklusive.“

Ihre Chefin hob eine Augenbraue. „Ah, der Traum von Freiheit. Sehr gefährlich. Da kommt man schwer wieder in die Realität zurück.“ Jantje murmelte: „Dafür reicht ein Blick nach draußen.“ Heute trug sie ihre schulterlangen Haare ausnahmsweise zu einem Pferdeschwanz, der ihr markantes Gesicht deutlicher betonte. Ihr Make-up war wie gewohnt dezent.

Es war kein Wunder, dass sie verträumt an ihrem Schreibtisch saß. Die Journalistin hatte vor ein paar Minuten einen spontanen Kurztrip nach Borkum gebucht. Drei Tage, zwei Einzelzimmer, Meerblick ab den oberen Etagen. Für sie und ihre beste Freundin Claudia. Das Hotel lag direkt am Leuchtturm. Zentral, aber doch weit genug von der kleinen Kneipenmeile der Insel entfernt. Die Lage war auch bei den Wildkaninchen beliebt, die Borkum schon seit Jahrhunderten bevölkerten. Fiete, ihr portugiesischer Wasserhund mit den bernsteinfarbenen Augen, würde vor lauter Freude über Wasser, Sand und all die Mümmelmänner kaum zu bremsen sein. Das Sorgerecht für den Vierbeiner teilte sie sich mit ihrer Familie. Aber selbstverständlich kam er mit ihr in den Urlaub.

Der junge Hund war aufgeweckt, verspielt und machte seinem Namen alle Ehre. An keinem Gewässer kam er vorbei, ohne hineinzuspringen. Ob Pfütze oder Nordsee: Für Fiete war es immer eine persönliche Badeeinladung. Nur das Konzept „Duschen im heimischen Badezimmer“ hatte er nie akzeptiert. Das war das einzige Wasser, auf das er grundsätzlich verzichten konnte, und zwar mit voller Inbrunst.

Ihre Chefin blickte auf die Mitte von Jantjes Schreibtisch.

„Und? Weißt du schon, welches Lama der Star deiner Reportage auf Borkum wird?“ Sie schaute interessiert auf ein großes Foto aus der Pressemappe eines Tourenanbieters. Ein Gruppenbild von Lamas unter der Überschrift: Achtsam wandern – Lama statt Drama.

„Nein, noch nicht. Aber das hier finde ich niedlich“, sagte Jantje und tippte auf ein sandfarbenes Tier mit großen Augen und zotteliger Frisur. „Es heißt Asterix.“ Sie betrachteten das Bild einen Moment. Der Plan war, mit Claudia ein paar Tage auf Borkum zu entspannen und die Zeit für eine Reportage rund um eine geführte Lama-Wanderung zu nutzen.

Jantje riss sich von Asterix los und sagte Richtung Heike: „Danke, dass es so kurzfristig mit den freien Tagen geklappt hat.“ Diese lachte leichthin. „Da nich’ für. Aber bring keines von denen mit zurück. Wir haben schon genug Diven hier.“ Sie mussten beide grinsen. „Wir sehen uns gleich im Konferenzraum“, sagte sie zum Abschied und verschwand mit einem Nicken Richtung Fotoredaktion.

Bevor sie sich auf die Konferenz vorbereitete, nahm sie einen Schluck Tee aus ihrem Lieblingsbecher. Den hatten ihr vor Jahren die Kollegen einer Bochumer Redaktion zum Abschied geschenkt. Darauf stand in Anspielung auf Herbert Grönemeyers Hommage an seine Heimatstadt: „Du Blume im Revier.“

Nach dem Studium führte Jantjes Weg sie zunächst zu einem großen Zeitungsverlag in NRW. Im Ruhrgebiet erlebte sie, wie sehr die Menschen dort denen in Ostfriesland ähnelten: bodenständig, aufrichtig, direkt und loyal. Doch mit der Zeit war der Wunsch nach Wasser, Wind und dem vertrauten Himmel immer größer geworden. So kehrte sie zurück in ihre Heimat. Zur Emder Rundschau, der Tageszeitung ihrer Region, bei der sie schon in ihren journalistischen Anfangsjahren gearbeitet hatte. Die Journalistin mochte an ihrem Beruf, dass aus Kleinigkeiten manchmal große Geschichten wurden. Ein Nebensatz, ein schiefer Blick, eine Bemerkung im Vorbeigehen, oft waren es gerade die unscheinbaren Dinge, die am Ende alles miteinander verbanden.

Ihr Handy klingelte. Claudia Freerksen. Natürlich, ihre beste Freundin hatte einen siebten Sinn in Sachen Urlaub. Kaum hatte Jantje das Telefon am Ohr, fragte diese ohne Umschweife: „Moin, hat’s geklappt?“

„Gebucht. Ein Hotel in der Nähe des Leuchtturms, wie gewünscht. Fünf Minuten vom Bahnhof und fünf Minuten zum Strand.“ Ihre Freundin seufzte zufrieden. „Spontane Kurztrips sind doch einfach die besten. Dann fange ich schon mal mit dem Packen an. Ich brauche noch alles Mögliche“, fügte sie dramatisch hinzu. „Gummistiefel und Flip-Flops, Sonnencreme, Nervennahrung. Sag mal… Fiete kommt doch mit, oder?“

Jantje warf einen Blick unter den Schreibtisch. Dort lag ihr Vierbeiner auf seiner Decke, schnarchte zufrieden und sah aus, als hätte er den Urlaub längst begonnen. „Der ist praktisch schon eingecheckt. Es fehlt nur noch die Urlaubsfrisur, den Termin haben wir morgen.“ Fiete klappte im Halbschlaf ein Auge auf und hoffte, dass er sich verhört hatte.

Claudia war eine schlanke, dunkelhaarige Frau, mit wachen, braunen Augen und einem warmen Lachen. Aus Bequemlichkeit steckte sie ihre Haare meist hoch, und modisch war sie stets auf dem neuesten Stand. Sie liebte es, jederzeit und überall shoppen zu gehen. Im Gegensatz zu Jantje, die sich in Jeans, T-Shirt und ihrer roten Regenjacke am wohlsten fühlte.

Claudia lebte schon immer in Emden. Sie liebte klare Abläufe, hatte alles im Blick und überließ nur ungern etwas dem Zufall. Gefühlt kannte sie jeden zweiten Menschen persönlich und den Rest zumindest vom Sehen. Inzwischen arbeitete sie im Vorzimmer einer Anwaltskanzlei.

In ihrer Mittagspause telefonierte Jantje kurz mit ihrer Schwester, aß ein belegtes Käsebrötchen am Schreibtisch und schrieb dabei ihre Packliste. Zuvor warf sie einen Blick in die Wetter-App. Die kommenden Tage schienen alles bereitzuhalten, was Ostfriesland zu bieten hatte. Da es auf den Inseln kaum möglich war, vorherzusagen, wie schnell sich Sonne und Regen abwechselten, setzte sie optimistisch Sonnencreme, Sonnenbrille und Bikini zuerst auf die Liste. Gefolgt von Regenjacke, festen Schuhen und dem Rest, ohne den die Journalistin nie verreiste: Kamera, Laptop, Notizbuch.

Fiete war inzwischen aufgewacht, hatte sich ausgiebig gestreckt und stupste sie mit der Nase an. Er schien zu fragen: Und was ist mit mir? „Du kommst gleich“, erklärte ihm Jantje, die oft mit ihrem Hund wie mit einem Menschen redete. Sie streichelte ihm beruhigend über den Kopf und schrieb weiter: „Fietes lila Krake, Hundefutter, zweite Leine, Leckerlis.“ Sie strich, ergänzte, strich erneut. Urlaubsvorfreude war eben die schönste Freude.

Am Ende lehnte sich die Journalistin zurück und ließ ihren Blick über die Liste wandern. „Schade, dass Griechenland dieses Jahr nicht möglich war“, bedauerte sie und schaute zum Vierbeiner. „Aber Borkum ist eine ziemlich gute Alternative. Und die Anfahrt…“ Sie klopfte mit dem Stift auf den Tisch. „… deutlich kürzer.“ Noch ahnte sie nicht, dass die Insel diesmal mehr als Dünen, Tee und Meerblick bereithalten würde.

Band 3: Mord zwischen Matjes und Mistelzweig

Der dritte Fall für Jantje Janßen. Eine TV-Kochshow zu Gast in Ostfriesland – und beim festlichen Menü bleibt einer Kandidatin das Lachen im Halse stecken. (Erscheint September 2026.)

Worum geht es?

Kurz vor Weihnachten dreht eine TV-Kochshow in Ostfriesland. Als beim festlichen Menü eine Kandidatin zusammenbricht, steht Jantje mitten im nächsten Fall.

Kapitel 1

Jantje Janßen drückte schwungvoll die Tür zum Buchladen auf. „Moin“, grüßte sie in Richtung Ladentheke und steckte die bunte Pudelmütze, die sie noch vor fünf Minuten frierend bis zu den Ohrläppchen heruntergezogen hatte, in ihre Jackentasche. Ihr blondes Haar machte sofort, was es wollte, und zwar in alle Himmelsrichtungen. Sie ließ es. Man musste nicht jeden Kampf gewinnen.

„Moin“, erwiderte die junge Verkäuferin hinter dem Tresen, ohne aufzusehen. Sie schien in etwas vertieft. Fiete, Jantjes vierbeiniger Schatten, schüttelte sich einmal und ließ sich auf den Boden fallen. Er schien der Meinung zu sein, dass es für heute genug war mit dem kalten Novemberwetter und nun Zeit für eine Pause an einem warmen Plätzchen.

Das Glöckchen über der Tür erklang erneut, als ein junger Mann hereinkam. Er grüßte ebenfalls kurz und sah sich suchend um. Es schien, als wäre auch er auf der Jagd nach passenden Weihnachtsgeschenken.

Der Buchladen lag direkt neben der Teestube ihrer Eltern auf dem Rathausvorplatz, im Stadtgarten. In der Nähe des Delfts sowie des Otto-Huus und damit fußläufig zur Lokalredaktion der Emder Rundschau, Jantjes Arbeitsplatz.

Er war um diese Jahreszeit fast genauso gut besucht wie im Sommer, wenn die Touristen in die Stadt einfielen. Nur blinkten heute bunte Lichterketten über den Tischen und Regalen, zusammen mit sprechenden Miniatur-Tannenbäumen, Räuchermännchen in gelben Regenjacken und mit Gummistiefeln sowie Thermobechern mit Möwen im Weihnachtsmannkostüm. Dazwischen türmten sich potenzielle Geschenke statt Ostfriesland-Reiseführern und den 111 besten Bayernwitzen.

In fast genau sechs Wochen war Heiligabend, und dieses Jahr feierten sie bei ihren Eltern Herta und Johann mit Kartoffelsalat und Würstchen. Und auch wenn jedes Jahr alle aufs Neue versicherten: „Wir schenken uns aber nichts“, war klar, dass spätestens nach dem Essen in der gemütlichen Küche alle eine Kleinigkeit zum Auspacken erwarten würden.

Sie brauchte also etwas Passendes für ihre ältere Schwester Anke sowie für ihre Eltern. Nicht zu vergessen: ihr Schwager Tom und natürlich ihr Vierbeiner Fiete. Ihr Bruder war inzwischen samt Anhang Richtung Schwarzwald gezogen und dieses Jahr nicht dabei. Dafür kam zum ersten Mal ihr Freund Ole Rickmers mit. Seines Zeichens Kriminalhauptkommissar und bereits mit Mitte dreißig Leiter der Emder Mordkommission.

Jantje war nur ein wenig jünger als er und sie hatten sich im Frühjahr kennengelernt, als sie über ihre erste Leiche gestolpert war. Ole sah nicht nur gut aus, sondern strahlte trotz seiner norddeutsch gelassenen Art eine natürliche Autorität aus. Diese hatte sie in den vergangenen Monaten im Rahmen der gemeinsamen Mordermittlungen rund um eben jenen Toten in Emden und einen ermordeten Hotelier auf Borkum häufiger beobachten können. Beim Gedanken an ihn fühlte sie immer noch Schmetterlinge im Bauch. Aber dafür war hier und jetzt keine Zeit. Sie musste Weihnachtsgeschenke kaufen, aber nichts, was glitzerte. Das war eine feste Regel.

Die Journalistin ging an einem Tisch vorbei, über dem „Geschenkideen“ stand. Jantje blieb kurz stehen, blätterte in einem Buch mit dem Titel „Mee(h)r Zeit für dich“ und stellte es zurück. Mehr Zeit wäre schön, aber sie bezweifelte, dass sie sich zwischen zwei Buchdeckeln kaufen ließ.

Für ihren Vater suchte sie irgendwas Klassisches. Wahrscheinlich würde er sich auch über ein Paar Socken freuen, aber das war nur Plan B. Sie blieb bei den Bildbänden hängen. Einer zeigte Ostfriesland in Schwarzweiß, mit Dreimastern, alten Leuchttürmen und Nebel über dem Wasser. Jantje schlug die erste Seite auf, dann die zweite. Sie konnte ihren Vater vor sich sehen, wie er abends die Fotos in der Küche ansah. Die Brille auf der Nasenspitze, eine Tasse Tee neben sich, und ihnen erklärte, wo er schon war und was er sich noch anschauen wollte. „Perfekt, den nehme ich“, murmelte sie zufrieden. Fiete schaute zu ihr auf und ließ ein zustimmendes „Wuff“ hören.

Für ihre Mutter war es schwieriger, das passende Geschenk zu finden. Sie war der Typ Mensch, der sich selten etwas wünschte und es, wenn sie es wirklich brauchte, einfach selbst kaufte. Daher ging es bei Herta weniger um den Gegenstand als um den Gedanken.

Jantje wanderte zum nächsten Tisch, während sich der junge Mann bereits zwei Bücher am Tresen weihnachtlich verpacken ließ. Sie stand nun vor kleinen Dingen aus der Abteilung „Hübsche Schreibwaren“. Ein Notizbuch mit schlichtem Leineneinband fiel ihr auf. War das ein passendes Geschenk? Sie überlegte.

Auf dem Weg zum Buchladen hatte sie einen kurzen Blick hinüber zur Teestube ihrer Eltern geworfen. Offensichtlich wollten auch sie – ganz Emder Kaufleute – vom Weihnachtsgeschäft profitieren. Im Fenster standen bunte Teedosen mit Schleifen darum, in Klarsichtfolie verpackt und ordentlich aufgereiht. Herta ließ eben nichts schludern. Sie legte das Notizbuch zurück und speicherte es im Hinterkopf ab, falls sie nichts anderes finden würde.

Für Anke nahm sie erst ein braunes, ledernes Lesezeichen in die Hand, überlegte es sich aber anders. Sie entdeckte einen Stapel weiter eine Postkarte mit passendem Motiv. Ein Pferd von verblüffender Ähnlichkeit mit Bobby, Ankes ehemaligem Rennpferd. Am Strand stehend und sehnsüchtig aufs Meer schauend. Jantje grinste. Als Kleinigkeit war die Postkarte ideal. Jantje ging zum Tresen, bezahlte und bekam alles in eine weiß-grüne Papiertüte gepackt. Sie steckte die Karte sorgfältig zwischen die Seiten des Buches, damit sie keinen Knick bekam.

Draußen pfiff ihr erneut der eiskalte Wind um die Ohren. Sie zog die Pudelmütze aus der Jackentasche und wickelte den langen bunten Schal enger um den Hals. Die junge Emderin ging ein paar Schritte, bevor sie stehen blieb und sich umdrehte. Die Teestube lag so nah, dass sie eigentlich kurz hätte hinübergehen können. Einmal „Moin“ sagen und einen heißen Becher Tee für unterwegs mitnehmen. Aber sie wusste, dass es „nur eben kurz“ bei ihren Eltern nicht gab, und ihre Mittagspause war begrenzt. Sie ging weiter. Fiete folgte widerwillig. Er hätte nichts gegen ein Nickerchen auf seiner Decke in der Teestube einzuwenden gehabt, und ein Keks wäre sicherlich auch für ihn abgefallen. Er grummelte vor sich hin. Jantje sah zu ihm hinunter und schüttelte lachend den Kopf.

Die Innenstadt war bereits weihnachtlich geschmückt. Hier und da hingen große Lichterketten quer über den Straßen, Tannenbäume standen vor vereinzelten Läden und Schaufenster strahlten in Weiß-Rot. In wenigen Tagen startete auch wieder der beliebte maritime Engelkemarkt. Einmal im Jahr wurde dabei aus dem Stadtgarten ein Weihnachtsdorf, mit dem Duft von Bratwurst, gebrannten Mandeln sowie der großen Weihnachtspyramide. Neu dabei waren seit dem letzten Jahr gläserne Iglus, in denen man gemütlich sitzen konnte, mit Blick auf das beleuchtete Rathaus. Besonders die unterschiedlichen Schiffe als schwimmende Glühweinbuden im Ratsdelft, dem Emder Innenhafen, lockten zahlreiche Gäste an. Jantje sah sich schon in Gedanken ihre heiß geliebten Champignons in Knoblauchsoße essen. Immer direkt neben dem wohl beliebtesten Stand auf dem Weihnachtsmarkt: der Glühweinbude des Fördervereins des Van-Ameren-Bades.

Auf dem Rathausturm setzte in diesem Moment das Glockenspiel ein. Jantje blieb kurz stehen und hörte zu, während die meisten Passanten achtlos weiterliefen. Sie kannte die Geschichte, die hinter den hellen Glockenschlägen steckte. Bernhard Brahms, ein Ur-Emder, hatte mit ansehen müssen, wie seine Stadt im September 1944 in nur wenigen Minuten völlig zerstört wurde. Er hatte sich danach geschworen, der Stadt etwas zurückzugeben, sollte er je das Geld dazu haben. Zur Jahrtausendwende schließlich schenkte er den Emderinnen und Emdern das Glockenspiel. Dreiundzwanzig Glocken hingen seitdem oben im Turm. Brahms war vor einigen Jahren verstorben, und doch war er am Schreyers Hoek, einem Teilstück der Promenade, als bronzene Figur mit Rad noch immer unter ihnen.

Sie lief Richtung Neuer Markt, kam an der großen Tonne vorbei, vor der sich schon jeder Besucher der Stadt hatte fotografieren lassen, und bog nach rechts ab. Sie stand vor dem Laden, den sie suchte. Im Fenster hingen farbenfrohe Blusen, Schals und Mützen, dazwischen standen Duftkerzen, Gläser mit Oliven, Teller und Tassen mit maritimen Motiven. Drinnen roch es nach Holz, nach Gewürzen und ein wenig nach Vanille. Die Besitzerin sah auf und lächelte Jantje und Fiete an, als sie eintraten.

Die Journalistin ging an den Regalen entlang und war sich sicher, fündig zu werden. Plötzlich stand sie vor einer hübschen Flasche Sanddornlikör. Das war das perfekte Geschenk für ihre Mutter und erinnerte an die gemeinsamen Tage auf Borkum. Sie nahm die Glasflasche mit der gelben Flüssigkeit in die Hand. Dazu entschied sie sich noch für einen bunten Schal. Herta war ebenso sportlich und schlank wie Jantje und Anke, kleidete sich aber farbenfroher und liebte Orangetöne.

An der Kasse legte sie ihre Fundstücke ab. „Soll ich’s dir einpacken?“, fragte die Besitzerin. „Gerne“, sagte Jantje. „Aber bitte getrennt.“ Sie bezahlte, und die Frau griff nach Papier und Band. Während sie einpackte, vibrierte Jantjes Handy in der Hosentasche. Sie zog es heraus und sah Oles Namen. Eine WhatsApp: „Mache früh Feierabend, koche uns was Schönes. Sehen uns um 19 Uhr.“ Sie lächelte glücklich vor sich hin und schickte einen Kuss-Smiley. Seit Ole in ihr Leben getreten war, gab es deutlich weniger Käsebrote, dafür umso mehr leckere, selbstgekochte Dinge. Leider hatte sie so gar kein Händchen für die Küche. Das Talent war ausschließlich von ihrer Mutter auf ihre Schwester übergegangen.

Nun musste sie schleunigst zurück an den Schreibtisch, und sie machten sich auf den Weg in die Redaktion. Die Tüte raschelte beim Gehen leise an ihrer Seite. Und für einen Moment war der November einfach nur November und das kommende Chaos noch nicht abzusehen.

Sie ging mit schnellen Schritten über den Gehweg. Fiete trabte neben ihr her, die Ohren im Wind, den Blick entschlossen nach vorn gerichtet. Zumindest so lange, bis ein halber Burger einer bekannten Fast-Food-Kette unter einer Bank seine gesamte Aufmerksamkeit beanspruchte. „Nein“, sagte Jantje, ohne langsamer zu werden. Fiete blieb stehen. „Fiete.“ Er sah sie an. Dann der Burger. Dann wieder sie. „Keine Diskussion.“ Mit einem tiefen Seufzer ließ er sich überzeugen und kam weiter mit. Jantje musste grinsen. Fiete war vieles: treu, klug, verschmust. Aber wenn irgendwo Essensreste rumlagen, vergaß er kurzzeitig seine gute Erziehung.

Wenig später drückte sie die Tür zur Redaktion auf. Drinnen empfing sie der vertraute Mix aus Telefonklingeln, Stimmengewirr und dem Surren der Kaffeemaschine. Gegen Mittag war in der Lokalredaktion richtig Trubel. Auf einem Schreibtisch stapelten sich Pressemitteilungen, alle schienen gleichzeitig zu telefonieren. „Ich bin wieder da“, rief Jantje in den Raum. Mehrere Köpfe hoben sich kurz. „Na, erfolgreich gewesen?“, fragte Jens, einer der zwei Fotografen, und schob mit einem Augenzwinkern hinterher: „Oder hast du nur Bücher gekauft, die du am Ende selbst behältst?“

„Ich bitte dich“, sagte Jantje und hängte ihre Jacke über den Stuhl. „Ich bin ein sehr disziplinierter Mensch.“ Er sah über den Rand seiner Brille hinweg zu ihr. Jantje stellte die Tüte neben ihren Schreibtisch. „Na gut. Heute war ich diszipliniert.“ Fiete kannte sich in den Büros aus. Er blickte kurz zu Jantjes Schreibtisch, unter dem seine karierte Decke lag, entschloss sich aber für einen kurzen Kontrollgang durch die Redaktion. Bei Monika aus dem Anzeigenbüro blieb er wie zufällig stehen. Sie hatte meistens Kekse. Angeblich für sich selbst. Tatsächlich wussten alle, dass sie seit Monaten heimlich Hundekekse in der unteren Schublade für ihn aufbewahrte. „Du weißt genau, dass du nicht betteln sollst“, sagte Jantje. Fiete ignorierte sie, legte den Kopf schief und starrte Monika an. Diese lachte leise, zog die Schublade auf und reichte ihm einen kleinen Keks. „Er bettelt doch gar nicht. Er sagt nur Hallo.“ Fiete nahm den Keks vorsichtig zwischen die Zähne und verschwand auf seine Decke. Dort ließ er sich mit einem zufriedenen Schnaufen fallen.

Jantje setzte sich an ihren Schreibtisch, schaltete den Bildschirm wieder an und sah auf die Uhr. Ihre Mittagspause war offiziell überzogen und der Posteingang schien in ihrer Abwesenheit beschlossen zu haben, sich unkontrolliert zu vermehren. Gerade kam noch eine Mail der Stadtverwaltung, sie betraf die Straßensperrungen rund um den Weihnachtsmarkt. Dann ein Hinweis auf eine neue Ausstellung im Landesmuseum. Und eine Nachricht von Heike mit dem Betreff: „Kochshow / Ostfriesland“.

Alle Bücher sind als Paperback und E-Book erhältlich. Eine Übersicht mit allen Bestellmöglichkeiten finden Sie auf den jeweiligen Buchseiten.

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